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Die Auslöser einer Migräne sollte man nicht meiden - das macht die Sache nur schlimmer
Migräne: Warum man Auslöser nicht meiden soll

„Schokolade verursacht Migräne“. Migräneexperten verbannen derartige Aussagen inzwischen in das Reich der Irrtümer. Heute fordern sie: Migräne-Patienten sollten bekannte Auslöser nicht meiden – das macht die Sache nur schlimmer. Und nicht nur Medikamente helfen. Wissenschaftlich als wirksame Therapien anerkannt sind mittlerweile auch Entspannung, Verhaltenstherapie und Biofeedback.

„Oft waren es gerade die Irrtümer, die zu Visionen und damit zu besseren Behandlungsmöglichkeiten geführt haben“, stellt Kopfschmerzexperte Prof. Dr. Peter Kropp (Rostock), Präsident des Deutschen Schmerzkongress in Mannheim, fest. Ein Beispiel sei die irrtümliche Annahme, dass es besser wäre Migräneauslöser zu meiden: Weil man weiß, dass ein Glas Sekt oder Wein einen Migräneanfall bewirken könnte, verzichtet man lieber darauf. Neue Studien zeigen aber: Das Vermeiden von Migräne-Auslösern verstärkt die Symptome – es kommen immer mehr Auslöser hinzu.

„Patienten sollten besser lernen, mit diesen so genannten Triggerfaktoren umzugehen“, erklärt Kropp. Denn man könne „den Kopf“ an die Migräneauslöser gewöhnen. „Löst Rotwein Migräne aus, sollten Patienten zum Beispiel ruhig ab und zu ein Glas trinken. Das funktioniert auch mit homöopathischen Dosen, also stark verdünnt.“

Auch Schokolade und andere Süssigkeiten werden immer wieder als Auslöser für Migräneattacken genannt. Der Hintergrund: Bis zu 70 Prozent der Patienten berichten, dass sie vor der Migräne Heißhunger auf Süsses erleben. Eine Studie habe nun gezeigt, dass die Süssigkeiten nicht Auslöser sind. Die Lust darauf ist lediglich ein Signal für den bevorstehenden Anfall. Der Grund ist einfach: „Das Hirn benötigt Energie für die kommende Attacke“, weiß Kropp.

Zu Unrecht verdächtigt wird der Partnerschaftsstreit. Wissenschaftler haben festgestellt, dass Paare vor der Migräne eher miteinander streiten. Da vor der Migräne aber auch Gereiztheit, Nervosität, Müdigkeit und Konzentrationsstörungen häufig auftreten, vermuten sie, dass der Patient kurz vor dem Anfall die Äußerungen des Gesprächspartners zu sehr „auf die Goldwaage legt“ und so den Streit mit herbeiführt.

Nicht weniger falsch ist die Annahme, dass die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre (G9 beziehungsweise G8) für mehr Kopfschmerzen sorgt. „Wir haben deshalb im Winter 2008/2009 über 1.200 Schüler an Münchner Gymnasien des ersten G8- und des letzten G9-Jahrgangs über ihren Gesundheitszustand und ihre Lebensumstände befragt“, betont Prof. Dr. Andreas Straube von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft.

Die gute Nachricht: Es gibt keine nachweisbaren Unterschiede zwischen den Jahrgängen bei der Häufigkeit von Kopfschmerzen oder anderen körperlichen Beschwerden. Die schlechte: Der Gesundheitszustand der Schüler ist allgemein besorgniserregend. Die Befragten beider Testgruppen gaben als häufigste gesundheitliche Beschwerden Kopfschmerzen (83,1 Prozent), Kreuz- oder Rückenschmerzen (47,7 Prozent), übermässiges Schlafbedürfnis (45,6 Prozent) sowie Nacken- und Schulterschmerzen (45,0 Prozent) an. Experten sehen darin ein Zeichen für eine generell ungesunde Lebensweise und raten zu mehr körperlicher Aktivität und ausreichend Schlaf.

Bei der Entstehung einer Migräneattacke spielt ein bestimmtes Protein – Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) – eine Schlüsselrolle. Es führt unter anderem dazu, dass sich Blutgefäße im Gehirn erweitern. Stoffe, die die Wirkung von CGRP hemmen, sollten daher die Entstehung einer Migräneattacke bremsen Stoffe, die die Wirkung von CGRP hemmen, sollten daher die Entstehung einer Migräne-Attacke bremsen können. Aktuelle Studien haben das laut Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. (DGSS) jetzt bestätigt. Der Wirkstoff Telcagepant habe sich dabei als ebenso wirksam erwiesen wie die gängigen Triptane, die häufig gegen Migräne eingesetzt werden. Der neue Wirkstoff schaltete die Schmerzen sogar tendenziell länger aus als Triptane.

Gegen Migräne helfen aber nicht nur Medikamente, befürwortet die DGSS. So ist zum Beispiel die progressive Muskelentspannung nach Jacobson inzwischen grundlegender Bestandteil vieler Schmerz- und Stressbewältigungsprogramme. Sie senkt das Aktivierungsniveau für Attacken. Denn Entspannungstechniken reduzieren die Empfindlichkeit für akute Schmerzreize einerseits und aktivieren andererseits Hirnbereiche, die für die Schmerzdämpfung zuständig sind. Außerdem werden so Angstzustände abgebaut, was wiederum die Schmerztoleranz erhöht.

Die so genannte kognitive Verhaltenstherapie zielt auf die Veränderung der psychischen Einstellung des Patienten und das damit verbundene Körpererleben. Der Patient soll lernen, die schmerzbezogene Belastung und die Begleiterscheinungen zu bewältigen. Kognitive Ansätze helfen, flexibler und effektiver mit Schmerzen umzugehen. Dazu gehört insbesondere der Umgang mit negativen Stimmungen. „Diese Form der Psychotherapie ist ein gutes Mittel gegen Schmerzzustände– es wirkt zwar nicht so schnell wie ein Schmerzmedikament, dafür aber nachhaltiger“, erklärt Kropp.

Biofeedback ist ein wissenschaftliches Verfahren, mit dessen Hilfe normalerweise unbewusst ablaufende psychophysiologische Prozesse durch Rückmeldung (feedback) wahrnehmbar gemacht werden. Körperliche Prozesse, zum Beispiel Blutdruck oder die Atemfrequenz, werden elektronisch gemessen und dem Patienten über ein Signal zurückgemeldet. Der Patient wendet diese Signale an, um zum Beispiel Kontrolle über die Muskelspannung oder das Erregungsniveau – beide sind eng mit Schmerzzuständen verbunden – zu gewinnen und zu verändern. Das Biofeedback-Training habe sich als sehr wirkungsvoller Baustein verhaltenstherapeutischer Schmerzbehandlung erwiesen, sagt die DGSS.

WANC 15.10.10, Quelle: Deutscher Schmerzkongress 2010, Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG), Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. (DGSS)

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