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Das chronische regionale Schmerzsyndrom: Schrittweise wieder an ein normales Empfindungsvermögen gewöhnen (Foto: Rubin)
Training gegen Nervenschmerz

Schon ein Wattebausch verursacht Patienten mit dem sogenannten chronischen regionalen Schmerzsyndrom (CRPS) unerträgliche Schmerzen. Der Grund: Nach einem Stoß oder Knochenbruch entwickeln sie starke Schmerzen, motorische Störungen, Schwellungen, Haut- und Knochenveränderungen im betroffenen Körperglied. Mit einer neuen Verhaltenstherapie sollen Patienten das Fühlen schrittweise neu lernen.

Das chronische regionale Schmerzsyndrom, frührer als Morbus Sudeck bekannt, stellt die Schmerztherapeuten weltweit seit Jahrzehnten vor ein fast unlösbares Problem. Neben quälenden, oft kaum zu beeinflussenden chronischen Schmerzen leiden Patienten am betroffenen Körperglied häufig unter einer extremen Berührungsempfindlichkeit, Gefühlsstörungen, Schwäche und einer gestörten Feinmotorik. Über 60 Prozent der Betroffenen behalten für immer Funktionseinschränkungen und chronische Schmerzen, können nicht mehr arbeiten und sind häufig von psychischen Folgeerkrankungen betroffen.

Die Folge ist eine bleibende Behinderung der oft noch jungen Patienten. "Eine Ursache der Erkrankung scheint unter anderem eine 'Fehlprogrammierung' des Gehirns zu sein", erläutert Prof. Christoph Maier vom RUB-Schmerzzentrum in den BG-Kliniken Bergmannsheil: "Das zentrale Nervensystem konzentriert sich auf die Wahrnehmung des Schmerzes und verlernt dafür andere Fähigkeiten, die für die Gefühlswahrnehmung und die Beweglichkeit der betroffenen Extremität wichtig sind." Es entwickelt sich ein Schmerzgedächtnis.

Bei der sanften Therapie setzen die Mediziner darauf, diesen Lernprozess wieder umzukehren. So wird eine betroffene Hand etwa zu Beginn der Behandlung immer wieder leicht mit Watte berührt oder in eine Schüssel mit Linsen, Reis oder Zucker gelegt, um sie schrittweise wieder an ein normales Empfindungsvermögen zu gewöhnen.

Später kommen dann schwierigere Aufgaben wie das Erkennen von Gegenständen durch Betasten hinzu. Mit zunehmendem Fortschritt und abnehmendem Schmerz bewältigen die Patienten feinmotorisch anspruchsvollere Aufgaben. Nach sechsmonatigem Training stellten die Ärzte bei gleicher oder verminderter Schmerzmedikation bei mehr als 50 Patienten eine drastisch verringerte durchschnittliche Schmerzstärke fest.

Warum das neue sanfte Behandlungsverfahren das Feingefühl der erkrankten Hand verbessert, konnten die Forscher mittels bildgebenden Methoden bei betroffenen Patienten nachweisen: Die funktionelle Kernspintomographie (fMRI) erlaubt es, von außen die Aktivität von Nervenzellen in der Großhirnrinde zu messen, ohne den Patienten zu belasten.

Vor Beginn der Behandlung war die Aktivität der Nervenzellen, die das Feingefühl der betroffenen Hand repräsentieren, deutlich herabgesetzt. Im Laufe der Therapie vergrößerte sich diese Aktivität zusehends und erreichte fast wieder die Größe einer gesunden Hand. "Demnach wurde das Gehirn durch die Behandlung umprogrammiert, weg von der ständigen Schmerzempfindung mit der Folge eines sich entwickelnden 'Schmerzgedächtnisses', hin zu einer wieder verbesserten Wahrnehmung nicht-schmerzhafter Reize", schließt Prof. Dr. Martin Tegenthoff.

Für die Zukunft erhoffen sich die Bochumer Forscher durch eine breitere Anwendung, aber auch eine Weiterentwicklung und Verfeinerung dieser sanften Behandlungsmethode große therapeutische Fortschritte in der Behandlung des CRPS, aber auch anderer chronischer Schmerzerkrankungen, die mit der Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses einhergehen wie z.B. Schmerzen nach Nervenverletzungen, aber auch bei Erkrankungen wie der schmerzhaften Polyneuropathie z.B. bei Diabetikern.

WANC 16.03.05
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