Frauen
Männer
Allergien
Atmungsorgane
Augen, Ohren, Mund, Zähne
Diabetes, Stoffwechselkrankheiten
Haut
Herz-Kreislauf - Herzinfarkt, Schlaganfall
Infektionen, Immunsystem
Migräne, Kopf- und andere Schmerzen
Krebs
Leber, Magen, Darm, Niere, Schilddrüse
Rheuma, Rücken, Gelenke, Knochen
Psyche, Nerven, Gehirn, Suchtkrankheiten
Alternativ
Weitere Krankheiten
 
 


Empfindlichkeit abtrainieren: Verschiedene Materialien berühren (Foto: Rubin)
Neuer Therapieansatz gegen Nervenschmerzen

Zahnschmerzen sind grauenhaft - doch sie gehen vorüber. Wenn sich die Schmerzen aber von der Grunderkrankung lösen, dann schickt das für die Schmerzleitung zuständige System dauerhaft Schmerzimpulse zum Gehirn. Den Teufelskreis der Nervenschmerzen durchbrechen jetzt die Bochumer Schmerzforscher Prof. Dr. Christoph Maier (Klinik für Schmerztherapie) und Prof. Dr. Martin Tegenthoff (Klinik für Neurologie), Klinikum der Ruhr-Universität Bochum, Bergmannsheil, in enger Kooperation mit PD Dr. Hubert Dinse (Institut für Neuroinformatik).

Nerven- oder sog. neuropathische Schmerzen beruhen auf Veränderungen im peripheren und zentralen Nervensystem, doch die genauen Erkrankungsmuster waren bisher unbekannt. Eine gezielte Therapie vor allem mit Medikamenten setzt jedoch die Kenntnis der Schmerzursache, d.h. der veränderten Schmerzverarbeitung im Organismus voraus. Für die Reizleitung sind jeweils spezielle Nervenfasern zuständig. Den Forschern kam zugute, dass Schmerz- und Temperaturreize die gleichen Wege nutzen: Eine speziell entwickelte Thermotestung lieferte daher über die Temperaturenpfindlichkeit bei einer Gruppe von 200 Patienten Informationen zu den Schmerzursachen. Nervenschmerzen, die auf einer veränderten Reizleitung beruhen ließen sich von jenen unterscheiden, deren Ursache degenerierte Nozizeptoren (Nervenendigungen, die Schmerzreize registrieren) sind. Die Methode könnte zukünftig vielleicht auch der Frühdiagnostik von Nervenschmerzen dienen.

Lang andauernde und besonders starke Reize fördern die Entwicklung hin zu chronischen Schmerzen, indem immer mehr Strukturen des Zentralen Nervensystems in Gehirn und Rückenmark aktiviert werden. Ein "Schmerzgedächtnis" bildet sich aus. Bei der Nachuntersuchung von mehr als 800 operierten Patienten - der weltweit umfassendsten Studie auf diesem Gebiet - stellten die Forscher fest, dass starke Schmerzen vor und nach der Operation die Gefahr chronischer Folgeschmerzen in den nächsten sechs bis zwölf Monaten fast verdreifachen. Das betraf immerhin 10 bis 25 Prozent der Operierten. Der Teufelskreis schließt sich, wenn sich bei chronischer Reizung das körpereigene schmerzunterdrückende System erschöpft.

Nervenschmerzen äußern sich häufig in einer extremen Berührungsempfindlichkeit: Patienten halten mitunter die Berührung mit einem Kleidungsstück ebenso wenig aus wie einen Luftzug. Normalerweise bilden sich Tastreize z.B. auf der Handoberfläche quasi analog auf der Hirnrinde ab - man spricht von "Körperlandkarten" im Gehirn. Die Forscher wiesen erstmals nach, dass sich bei Patienten mit Nervenschmerzen die Körperwahrnehmung verändert: Je stärker ein Berührungsschmerz, desto kleiner wurde das die Hand "fühlende" Areal im Gehirn. Hoffnungsvoll ist aber, dass sich diese Veränderungen durch gezielte Schmerztherapie und intensives Training umkehren lassen. Aktives und passives Training bestätigen die mittels Hirnstrommessungen und funktioneller Kernspintomographie nachgewiesenen Veränderungen im Gehirn. Für das aktive Training setzen Neuroinformatiker die sog. Zwei-Punkt-Diskrimination ein: Dabei muss der Patienten zwei dünne Metallspitzen tasten, deren Abstand voneinander immer geringer wird. Der kleinste Abstand, bei dem noch zwei Spitzen getastet werden, ist Ausdruck der individuellen Diskriminationsfähigkeit. Beim passiven Training stimulieren genau definierte elektrische Reize die entsprechenden Bereiche an den Fingerspitzen.

In der Bochumer Schmerzklinik wird das taktile und manuelle Training inzwischen erfolgreich bei Patienten mit Morbus Sudeck - einer Nerven- und Gelenkerkrankung mit extremer Berührungsempfindlichkeit und ausgeprägten psychischen Begleiterscheinungen - umgesetzt. Sobald die eigentliche Schmerztherapie wirkt, trainieren sich die Patienten stufenweise und systematisch ihre Überempfindlichkeit ab, indem sie zunächst sensibel reizende Materialien wie Erbsen, Reis, Rapskörner oder Sand berühren und später z.B. mit Pinsel und Farbe malen. Es folgt ein passives Training durch elektrische Reizung über auf die Haut aufgeklebte Elektroden (TENS-Therapie) und schließlich ein spezielles feinmotorisches Training. Die bisherigen Erfahrungen sprechen dafür, dass durch ein noch früheres systematisches aktives und passives Lern-Training nicht nur der Therapieerfolg verbessert wird, sondern sich möglicherweise auch chronische Schmerzen verhindern lassen.

WANC 17.10.03

Ruhr Universität Bochum

Schmerzgedächtnis: Wenn selbst kleinste Wehwehchen kaum zu ertragen sind

Chronische Schmerzen im Alter - oft ein Leiden unter vielen anderen

Fragen und Antworten zur Schmerztherapie
Warum verursachen ASS, Diclofenac und Ibuprofen häufiger Magenprobleme?

Wann werden sogenannte Retard-Schmerzmittel eingesetzt?

Wird das Cannabis-Präparat Dronabinol als Schmerzmittel von den Krankenkassen erstattet?

Welche Medikamente fallen unter die Stufe III der WHO-Stufentherapie?

Welche Nebenwirkungen können unter stark wirksamen Opioiden auftreten?

Überblick aller Fragen und Antworten zur Schmerztherapie

 
Seite versenden  
Seite drucken