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Viele Patienten, die unter Schmerzen leiden, erhalten die notwendigen Therapien nicht
Schmerztherapie: Viele bekommen sie nicht

Schmerz hat viele Gesichter. Doch keines davon ist schön. Die Betroffenen leiden, weil sie Therapien gegen den Schmerz nicht bekommen. Verantwortlich dafür ist der Streit der Experten, die sich bei der medikamentösen Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen nicht einig sind. Hinzu kommt, dass die Therapie des Schmerzes in der Ausbildung der Ärzte eine untergeordnete Rolle spielt.

"Eine moderne Schmerztherapie ist interdisziplinär, setzt verschiedene Strategien gleichzeitig und nicht nacheinander ein und muss individuell auf die Erfordernisse des einzelnen Patienten zugeschnitten werden", erklärt Dr. Gerhard H. H. Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie auf dem Deutschen Schmerz- und Palliativtag in Frankfurt. Untersuchungen zeigen, dass maßgeschneiderte Therapien der konventionellen Behandlung "von der Stange" überlegen sind.

Schmerz ist nicht gleich Schmerz, selbst wenn es immer weh tut. Schmerz kann verschiedene Ursachen haben, Entzündungen, Verletzungen oder geschädigte Nervenbahnen. Wie Nervensystem und Gehirn eines Menschen Schmerz verarbeiten, wird von biologisch-genetischen, sozialen und psychischen Faktoren beeinflusst. Und - dies vor allem - ein chronischer Schmerz ist kein Akutschmerz, der nur länger anhält, sondern eine eigenständige Erkrankung.

„Neue Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung helfen uns besser zu verstehen, wie Analgesie, also die Schmerzlinderung, und Hyperalgesie, die Schmerzempfindlichkeit, funktionieren", betont Dr. Gerhard H. H. Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie. "Dies erleichtert uns, die Pharmakotherapie zu optimieren." Und: „Eine moderne Schmerztherapie ist interdisziplinär, setzt verschiedene Strategien gleichzeitig und nicht nacheinander ein und muss individuell auf die Erfordernisse des einzelnen Patienten zugeschnitten werden."

Wenn Patienten beispielsweise längere Zeit mit starken Schmerzmitteln (Opioiden) behandelt werden, kann es geschehen, dass ihre Schmerzempfindlichkeit nach einer anfänglichen Schmerzlinderung zunimmt. In solchen Fällen wechselte der Arzt bislang das Medikament oder musste die Dosis erhöhen.

„Inzwischen haben wir gelernt, dass schmerzverarbeitende Nervenzellen übererregbar werden, wenn man Opioide abrupt absetzt", erklärt Müller-Schwefe. Dies könnte die Grundlage der Hyperalgesie sein: Lässt die Wirkung eines Medikamentes nach, fördert dies die Übererregbarkeit der Nervenzellen. Bei einer lückenlosen Analgesierung wird dies hingegen verhindert. „Wir müssen die Dauer und Stärke der Medikamentenwirkung bei einem individuellen Patienten daher sehr genau ermitteln und auf dieser Grundlage das Dosierungsschema entwickeln. So können wir vermutlich viele Patienten davor bewahren, dass die Medikamentendosis erhöht werden muss.“

Neue Untersuchungen belegen, dass eine interdisziplinäre und multimodale Therapie im Rahmen der integrierten Versorgung der konventionellen Behandlung überlegen ist. Von ihr profitieren beispielsweise Rückenschmerzpatienten, die im Rahmen einer Komplextherapie von Ärzten, Psychologen und Physiotherapeuten gemeinsam und vor allem gleichzeitig behandelt werden. Setzt diese Behandlung rechtzeitig ein, liegt die Erfolgsquote bei 80 Prozent: Die Mehrzahl der Patienten wird binnen vier bzw. acht Wochen wieder arbeitsfähig.

Die Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie, dass es gravierende Probleme bei der Umsetzung der modernen Konzepte der Schmerzmedizin gibt. Nach wie vor würden die Rahmenbedingungen dafür sorgen, dass viele Patienten, die diese Therapien benötigen, sie nicht bekommen.

Dafür sorgt auch der Streit der Experten. Auf massive Kritik von Schmerztherapeuten stößt beispielsweise eine S3-Leitlinie zur Langzeitanwendung von Opioiden bei nicht tumorbedingten Schmerzen, die eine Gruppe von Psychologen Ende letzten Jahres im Auftrag der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes vorgelegt hat. „Massive methodische Schwächen bei der Analyse von wissenschaftlichen Studien führen zu falschen Schlussfolgerungen für die Langzeit-Therapie mit Opioiden", ärgert sich Dr. Michael A. Überall, vom Institut für Qualitätssicherung in Schmerztherapie und Palliativ-medizin IQUISP, Nürnberg und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie. So würden beispielsweise die Ergebnisse von Zulassungsstudien verglichen mit anderen Untersuchungen, es würden so quasi Äpfel mit Birnen verglichen.

Dennoch gebe es Institutionen, beispielsweise einige kassenärztliche Vereinigungen, die diese Leitlinie so interpretieren, als müsse eine Opioid-Therapie nach drei Monaten abgebrochen werden, weil entsprechende Studien fehlen. "Dies ist natürlich eine absurde Schlussfolgerung", kritisiert Müller-Schwefe. "Sie würde uns zwingen, Menschen mit schwersten Schmerzen unversorgt zu lassen."

„Nötig ist die Implementierung einer abgestuften Schmerztherapie und vor allem die Prävention chronischer Schmerzen, die bei jedem Haus- und Facharzt als erste Anlaufstelle stattfinden muss", fordert Müller-Schwefe. Die entscheidend wichtige Voraussetzung dafür sei, dass die Schmerztherapie als Pflichtprüfungsfach in der ärztlichen Approbationsordnung verankert wird. „Der letzte Deutsche Bundestag hat die Einführung eines Pflichfaches Schmerztherapie in der Approbationsordnung wieder einmal verpasst", kritisiert Müller-Schwefe.

WANC 18.03.10, Quelle: Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2010, Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie e.V.

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