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Jeder dritte Erwachsene hat chronische Schmerzen: Am häufigsten im Kopf und Rücken (Foto: DAK/Wigger)
Schmerzpatienten: 19 Jahre Suche nach Hilfe

Jeder dritte erwachsene Deutsche hat chronische Schmerzen. Am häufigsten sind Rücken- und Kopfschmerzen. Doch bei der Versorgung hapert es. So werden Patienten mit Rückenschmerzen von durchschnittlich mehr als sieben Ärzten erfolglos behandelt. Ihre Suche bis sie endlich Hilfe bekommen, dauert durchschnittlich über elf Jahre. Bei Migränepatienten sieht es noch schlimmer aus: 19 Jahre Suche und elf Ärzte.

Die europäische Schmerzstudie hat gezeigt, dass jeder dritte deutsche Erwachsene unter chronischen Schmerzen leidet: 17 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung sind davon betroffen. Deutschland liegt damit im europäischen Mittelfeld (die wenigsten Schmerzkranken leben mit 11 Prozent in Spanien, die meisten mit 27 Prozent in Polen). Frauen sind häufiger von chronischem Schmerz betroffen als Männer. Die meisten Schmerzpatienten sind zwischen 40 und 70 Jahre alt. Chronische Schmerzen kosten in Deutschland rund 25 Milliarden Euro pro Jahr - größtenteils verursacht durch Arbeitsunfähigkeit und Verrentungen.

Rückenschmerz und Kopfschmerz führen die Liste der häufigsten Schmerzerkrankungen an, gefolgt von Nervenschmerz und Tumorschmerz. Während der akute Schmerz, der bei einer Verletzung des Gewebes auftritt, eine Warn- und Schutzfunktion für den Körper hat, ist der chronische Schmerz physiologisch sinnlos: Schmerzen, die über sechs Monate anhalten, sind eine Krankheit für sich. Im Krankenhaus beschreibt unabhängig von der Schmerzform fast jeder zweite Patient starke bis stärkste Schmerzen.

Vvielen Patienten könnten Schmerzen erspart bleiben, wenn die Erkenntnisse der modernen Schmerztherapie konsequent umgesetzt würden. Mangelndes Wissen und falsche Überzeugungen seitens der Pflegenden, Ärzte und Patienten behindern den richtigen Umgang mit Schmerz. Ein wesentlicher Grund dafür: eine systematische Einschätzung der Schmerzintensität mittels Schmerzskalen zur genauen Bedarfsermittlung und Erfolgskontrolle wird selten praktiziert.

Ursachen für Schmerz
Für Schmerz gibt es viele Ursachen: Nach ihrer Einschätzung der Gründe für die Schmerzkrankheit befragt, geben 26 Prozent der Patienten eine Krankheit an, 19 Prozent seelische Belastungen. Weitere Ursachen sind Unfälle (12 Prozent), der Beruf (11 Prozent), Operationen (8 Prozent), Verschleiß (7 Prozent) und Kriegsverletzungen (2 Prozent).

Chronische Schmerzen wirken sich auf das gesamte Leben des Patienten aus: Fast drei Viertel (73 Prozent) der Betroffenen klagen über Bewegungseinschränkungen, zwei Drittel (65 Prozent) können nicht mehr außer Haus arbeiten, 19 Prozent müssen ihren Arbeitsplatz wechseln. 64 Prozent haben Schlafstörungen. Ein Viertel der Patienten kann seine Freundschaften nicht mehr pflegen und gerät in soziale Isolierung, 52 Prozent sehen ihre sexuellen Beziehungen eingeschränkt. 20 Prozent der Schmerzpatienten entwickeln Depressionen. Die Suizidgefahr ist bei Schmerzpatienten erhöht.

Die Behandlung chronischer Schmerzpatienten ist in Deutschland in vielerlei Hinsicht unzureichend. So werden Patienten, die mit Rückenschmerzen in eine Schmerzklinik eingewiesen werden, vorher von durchschnittlich mehr als sieben Ärzten erfolglos behandelt. Ihre Suche nach Hilfe dauert durchschnittlich über elf Jahre. Migränepatienten suchen im Durchschnitt mehr als 19 Jahre nach Linderung und werden von elf Ärzten behandelt, selbst Tumorschmerzpatienten durchlaufen in durchschnittlich zwei Jahren fünf Ärzte, bis sie in die Klinik eingewiesen werden.

Diese Zahlen weisen darauf hin, dass die Schmerztherapiekenntnisse der behandelnden Ärzte in der Primärversorgung unzureichend sind. Mitschuld an diesem Missstand hat die Ausbildungsordnung für Ärzte. In der neuesten Fassung der Approbationsordnung vom Oktober 2003 kommen die Begriffe Schmerztherapie und Palliativmedizin nicht vor. Damit hat sich die Ausbildungssituation gegenüber der zuvor gültigen Approbationsordnung, in der die Schmerztherapie Pflichtfach war, weiter verschlechtert.

Schmerztherapeuthen Mangelware
Auch die Zahl der ausgebildeten Schmerzspezialisten ist in Deutschland unzureichend: Nach der europäischen Schmerzstudie sind etwa 13 Millionen Menschen (17 Prozent der Bevölkerung). Wenn nur 10 Prozent von ihnen komplizierte Fälle sind, brauchen etwa 800.000 bis 1.000.000 Patienten eine Behandlung durch hochqualifizierte Spezialisten. Demgegenüber stehen etwas über 1.000 Schmerzspezialisten, die in Deutschland bisher ausgebildet wurden.

Den Kosten der Schmerzerkrankungen von etwa 25 Milliarden Euro pro Jahr stehen in Deutschland etwa 8 Millionen Euro Fördermittel für die Schmerzforschung entgegen. Das entspricht 0,03 Prozent.

Seit sechs Monaten gibt es am Klinikum der Universität München die ASTIB, die Arbeitsgemeinschaft schmerztherapeutischer Einrichtungen in Bayern. An der LMU wurde 1980 die erste interdisziplinäre Schmerzambulanz Deutschlands gegründet, außerdem existieren hier zwei interdisziplinäre, umfassende Programme für chronische Schmerzpatienten.

WANC 29.09.04/idw

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