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Schwindel: Wenn das Gehirn nicht richtig arbeitet…

Patienten/innen, die unter funktionellem Schwindel leiden, haben oft eine Odyssee zu unterschiedlichen Ärzten hinter sich, weil sich keine organischen Ursachen feststellen lassen. Ein Experiment an der Technischen Universität München (TUM) klärt nun erstmals mögliche Gründe für die Krankheit auf: Betroffene haben Probleme in der senso-motorischen Verarbeitung im Gehirn, die denen von Personen mit organischen Schwindel-Ursachen ähneln.

Was Schwindel tatsächlich ist, beschreibt die Unabhängige Patientenberatung Deutschlands (UPD) so: „Schwindel ist keine Krankheit, sondern ein Symptom, das sich in einer Störung der räumlichen Orientierung und/oder des Gleichgewichtssinns äußert: Es scheint, als schwanke oder als drehe sich der eigene Körper oder der umgebende Raum. Schwindel kann vielfältige Ursachen haben, unter anderem Erkrankungen des Gleichgewichtsorgans im Innenohr, des Gehirns, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder auch psychische Ursachen.“

Was charakteristisch für den funktionellen Schwindel ist, erklärt Prof. Dr. med. Dr. h.c. Michael Strupp, Oberarzt an der neurologischen Klinik und Poliklinik der Universität München, Deutsches Schwindel- und Gleichgewichtszentrum DSGZ: Es zeige sich in. einem subjektiven Schwank- und Benommenheitsgefühl mit Gang- und Standunsicherheit. Typisch sei ferner eine wechselnde Unsicherheit von Stand und Gang. Es bestehe die Angst zu fallen, doch komme es in aller Regel nicht zu Stürzen. …..“

Mediziner um Prof. Nadine Lehnen, Funktionsoberärztin der Psychosomatik am TUM-Universitätsklinikum rechts der Isar, hat
acht an funktionellem Schwindel Erkrankte und elf Gesunde als Vergleichsgruppe in die Studie aufgenommen. Zudem wurden Daten von Schwindel-Patienten/innen mit organischen Defekten herangezogen, die bereits in früheren Untersuchungen dasselbe Experiment durchlaufen hatten. Sie hatten entweder eine Kleinhirnstörung oder keine funktionierenden Gleichgewichtsnerven mehr.



Während des Experiments saßen die Teilnehmer in einem dunklen Raum, wo in schnellem Wechsel links oder rechts an der Wand Lichtpunkte erschienen, zu denen sie blicken sollten. Die Augen- und Kopfbewegungen während der Blickbewegung wurden erfasst. Anschließend erhielten sie einen Helm mit Gewichten, um die Trägheit des Kopfes zu verändern. Beim Drehen wackelte der Kopf dadurch stark. Das Experiment wurde mit und ohne Helm durchgeführt.



Während die Gesunden ihre Bewegung schnell an die neuen Gegebenheiten anpassten und der Kopf bald nicht mehr wackelte, taten sich alle Probanden mit funktionellem Schwindel hierbei schwer. Was das Forschungsteam verblüffte, war die Tatsache, dass sich Letztere dadurch genauso verhielten wie die Probanden mit massiven organischen Schwindelursachen.
„Unsere Ergebnisse machen beeindruckend klar, dass sich funktioneller Schwindel so äußerte wie schwere körperliche Erkrankungen, zum Beispiel nach komplettem Verlust der Funktion der Gleichgewichtsnerven. Das spiegelt wider, wie stark diese Menschen eingeschränkt sind“, sagt Lehnen.



Auf der Basis von Vorerfahrung, die im Gehirn in Form sogenannter gelernter Modelle gespeichert wird, bilden Menschen eine Erwartung über die sensorischen Eindrücke, die durch eine Bewegung entstehen. Diese Erwartung wird mit den Informationen zum Beispiel von den Gleichgewichtsorganen verglichen. Verhält sich der Kopf anders als normal, passen beide Informationen nicht mehr zusammen. Es entsteht ein Ungleichgewicht zwischen Erwartung und Realität, was man als „Vorhersagefehler“ bezeichnet. 



„Gesunde können diesen Fehler problemlos wahrnehmen, verarbeiten und ihre Bewegung anpassen. Bei funktionellen Schwindel-Patienten scheinen die senso-motorischen Eindrücke (Sensomotorik beschreibt das Zusammenspiel zwischen Reizaufnahme - Sensorik - und Reizantwort in Form von Bewegung - Motorik; Quelle: Senomotorik Zentrum, Berlin) jedoch nicht korrekt verarbeitet zu werden. Sie verlassen sich primär auf ihr gespeichertes Modell, das aber nicht mehr zur neuen Realität passt“, erklärt sie und ergänzt: “Für uns war spannend, dass bei ihnen aber ein Lernen möglich ist - nur eben eingeschränkt.“ Für sie wäre es deshalb wichtig, diese Menschen mit therapeutischen Ansätze zu behandeln, die dieses Verarbeitungsdefizit berücksichtigen. In einer geplanten großen Studie sollen die aktuellen Ergebnisse noch einmal auf den Prüfstand gestellt werden.

5.8.2019 cs / Quelle: idw

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