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Nehmen die Sorgen überhand und richten sie sich auch auf eigentliche Belanglosigkeiten, kann das das Leben der Betroffenen deutlich beeinträchtigen (Foto: DAK/Wigger)
Wenn die Angst vor der Angst krank macht

Sich Sorgen zu machen, kann krankhaft sein. Etwa fünf Prozent der Menschen, so schätzen die Psychologen, leiden im Laufe ihres Lebens unter einer sogenannten generalisierten Angststörung. Nehmen die Sorgen überhand, beeinträchtigen sie das tägliche Leben und die körperliche Gesundheit.

Wird das Geld noch bis zum Ende des Monats reichen? Der Chef mit der Arbeit zufrieden sein? Das Kind auch pünktlich nach Hause kommen? Sich Sorgen zu machen ist normal, doch wenn sich die Gedanken im Kreislauf der Sorgen verfangen, dann kann das massive Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben.

Körperliche Auswirkungen werden allerdings selten mit den seelischen Belastungen in Verbindung gesetzt, häufig nur die physischen Symptome behandelt, ohne den Ursachen auf den Grund zu gehen. "Nehmen die Sorgen überhand und richten sie sich auch auf eigentliche Belanglosigkeiten, kann das das Leben der Betroffenen deutlich beeinträchtigen", erklärt Dr. Alexander Gerlach vom Psychologischen Institut I der Universität Münster.

Angst, Anspannung, Ruhelosigkeit, Ermüdung und Konzentrationsschwierigkeiten können die Folge sein. Im Fachjargon wird die Erkrankung als "Generalisierte Angststörung" bezeichnet, da sie nicht auf bestimmte Situationen in der Umgebung beschränkt ist. Auftreten kann sie auch zusammen mit spezifischen Phobien oder depressiven Störungen. Etwa fünf Prozent der Menschen, so schätzen die Psychologen, leiden im Laufe ihres Lebens unter einer generalisierten Angststörung.

Die Diplom-Psychologin Tanja Andor von der Psychotherapie-Ambulanz (PTA) des Fachbereichs Psychologie der Universität Münster untersucht zusammen mit Gerlach im Rahmen psychophysiologischer Studien den Zusammenhang zwischen körperlichen Reaktionen und Sorgen. "Die Patienten berichten subjektiv von physischen Beschwerden, die auf körperliche Übererregung hinweisen. In objektiven physiologischen Messungen lässt sich diese jedoch nicht nachwiesen", so Gerlach.

"Deshalb untersuchen wir" erklärt Andor, "ob sich die Patienten als übererregt erleben, weil sie über eine besonders sensible Körperwahrnehmung verfügen. Dies könnte wiederum dazu beitragen, dass sie sich immer wieder neu in Sorgen verstricken." Diesem noch wenig erforschten Zusammenhang zwischen Wahrnehmung von Erregung und Sorgen versuchen die Münsteraner auf den Grund zu gehen.

Anders als andere Angststörungen, die wie Angst vor Höhen oder Panikattacken von den Betroffenen als behandlungsbedürftiges Problem erkannt werden, wird das Sorgen häufig nicht als Krankheit, sondern als zur Persönlichkeit gehörend empfunden. Es sind ja keine ungewöhnlichen Sorgen, sondern Probleme, die jeden belasten: Familie, Gesundheit, berufliche Entwicklung. "Doch bei einer generalisierten Angststörung nehmen Häufigkeit und Intensität deutlich zu", erklärt Gerlach. Während es normal sei, dass eine Mutter sich sorge, wenn ihr Kind eine ganze Stunde Verspätung habe, sei Unruhe bei fünf Minuten Verspätung eher ungewöhnlich.

Doch die Erfolgsaussichten bei einer Therapie sind gut. Bei rund 65 Prozent aller Betroffenen können die Symptome vollständig und nachhaltig abgebaut werden. Die Patienten lernen, erfolgreiche Strategien anzuwenden, um Ängste zu überwinden. Betroffene haben häufig wenig Vertrauen in ihre Fähigkeit, Probleme zu lösen. Dieses wird im Rahmen der Therapie gestärkt. Auch Überzeugungen zu Vor- und Nachteilen des Sorgens tragen zur Problematik bei und müssen verändert werden. Mit gezielten Entspannungsübungen wird zudem der berichteten Anspannung und Ruhelosigkeit begegnet.

Patienten mit generalisierter Angststörung überschätzen häufig Risiken. "Sie bleiben in der Vorstellung einer Katastrophe stecken und denken Situationen nicht zu Ende", erklärt Gerlach. "Wir helfen ihnen, ihre Sicht von der Welt wieder geradezurücken und einen realistischeren Ausblick auf die Zukunft zu gewinnen". Das kann in etwa 25 Einzeltherapiestunden oder knapp 20 Gruppen-Doppelsitzungen mit rund sechs Teilnehmern passieren.

"Die Auseinandersetzung mit den eigenen Problemen und denen der anderen Gruppenteilnehmer hat einen positiven Effekt. Neben der beruhigenden Erfahrung, nicht der einzige Mensch zu sein, dem die Sorgen über den Kopf wachsen und der Unterstützung benötigt, können die Patienten von Erfolgen der anderen Gruppenmitglieder profitieren und diese auf eigenen Probleme übertragen", so Andor. "Zudem kann Vertrauen in die eigene Kompetenz aufgebaut werden, wenn man hilft, Lösungen für andere zu entwickeln."

WANC 11.11.04
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