Frauen
Männer
Allergien
Atmungsorgane
Augen, Ohren, Mund, Zähne
Diabetes, Stoffwechselkrankheiten
Haut
Herz-Kreislauf - Herzinfarkt, Schlaganfall
Infektionen, Immunsystem
Migräne, Kopf- und andere Schmerzen
Krebs
Leber, Magen, Darm, Niere, Schilddrüse
Rheuma, Rücken, Gelenke, Knochen
Psyche, Nerven, Gehirn, Suchtkrankheiten
Alternativ
Weitere Krankheiten
 
 

Foto: Philipps-Universität Marburg / AG Konrad
Empfindlicher Inhalt: Der Schädel soll das Gehirn vor Erschütterungen schützen, die nachhaltig negative Wirkungen haben können (Foto: Philipps-Universität Marburg / AG Konrad)
Gehirnerschütterung: Sechs Jahre beeinträchtigt

Gehirnerschütterung – ein wenig Bettruhe, aber sonst ohne Folgen. Das ist die langläufige Meinung. Doch die ist grundlegend falsch. Die Wirkungen und Nachwirkungen einer Gehirnerschütterung werden landläufig unterschätzt. Denn schon leichte Gehirnerschütterungen haben gravierende Langzeitwirkungen. Eine Studie hat jetzt heraus gefunden, dass die Betroffenen noch nach sechs Jahren unter erheblichen Beeinträchtigungen ihrer geistigen Fähigkeiten leiden. Und auch depressive Symptome zeigen sich nach einer Gehirnerschütterung öfter.

„Ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma kann nach relativ geringen Erschütterungen beim Sport, im Haushalt, nach Auffahrunfällen oder Stürzen auftreten“, erklärt Dr. Carsten Konrad. Davon betroffen sind bis zu drei Promille aller Menschen. Für Patienten, die eine Gehirnerschütterung erlitten haben und danach emotionale oder kognitive Beeinträchtigungen bemerken, ist es häufig schwierig, ihre Ansprüche gegenüber Versicherungen oder Unfallgegnern durchzusetzen, da nach der gängigen Lehrmeinung eine Gehirnerschütterung ohne Langzeitfolgen bleibt.

Die Wissenschaftler haben nun Hinweise darauf gefunden, dass diese Auffassung falsch sein könnte. Die Wissenschaftler nahmen Patienten unter die Lupe, die ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma erlitten haben, und untersuchten sie psychiatrisch, neuropsychologisch sowie mittels Magnetresonanztomographie.

Die Patienten nach leichtem Schädel-Hirn-Trauma zeigten im Durchschnitt nach sechs Jahren mittelstarke bis starke Beeinträchtigungen in verschiedenen neuropsychologischen Bereichen wie Lernen und Gedächtnis, Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeit und Exekutivfunktionen. Auch depressive Symptome waren nach Gehirnerschütterung häufiger. Bei denjenigen, die kein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatten, zeigte sich kein derartiger Befund.

„Wir können ausschließen, dass die beobachteten Beeinträchtigungen sich durch depressive Symptome oder suboptimales Leistungsverhalten erklären lassen“, führt Konrad aus. Die Ursachen der Langzeitwirkung sind aber bisher unbekannt.

Dass eine Gehirnerschütterung häufig unterschätzt wird, davor hat schon Carol DeMatteo von der McMaster University in Hamilton gewarnt. Schon der Begriff gebe den Anschein, dass eine rasche Genesung und zeitlich begrenzte Symptome damit verbunden sind. Bei seiner Studie untersuchte er 434 Kinder, die zur Behandlung einer Gehirnverletzung in die Kinderklinik Hamilton gebracht worden waren. 300 der Kinder wiesen eine traumatische Hirnverletzung auf, die als gravierend eingeschätzt wurde.

Trotz des Schweregrads der Verletzung wurden diese Kinder früher aus dem Krankenhaus entlassen und blieben weniger Tage der Schule fern, als die übrigen Patienten. DeMatteo betont, dass die Krankheit oft gefährlich verharmlost und nicht als Verletzung des Gehirns verstanden werde: Schon bald nach der Rückkehr aus der Klinik gingen die Kinder ihren gewohnten Aktivitäten nach. Nach der Einschätzung der Forscher erhöht dies jedoch das Risiko einer zweiten Gehirnverletzung und die Gefahr steige an, dass sich die schulische Leistung der Kinder verschlechtert.

Wie falsch das Krankheitsbild eingeschätzt wird, zeigen auch Informationen zur Gehirnerschütterung der Techniker Krankenkasse. Die TK beschreibt, dass die Schwere eines Schädel-Hirn-Traumas vom Arzt mit Hilfe einer Art Checkliste, der Glasgow-Coma-Scale, beurteilt. Mit ihr lässt sich anhand der Reaktionen des Patienten auf äußere Reize sein Bewusstseinszustand einschätzen. Auf eine gründliche körperliche Untersuchung folgt eine intensive neurologische Untersuchung, um Hinweise auf Funktionsstörungen des Nervensystems zu erhalten. Weiterhin können bildgebende Verfahren wie die Computertomographie  und unter Umständen auch Röntgenaufnahmen des Kopfes zum Einsatz kommen. Im Einzelfall sind weitere Untersuchungen erforderlich. Dazu gehören zum Beispiel die Messung der elektrischen Hirnströme im EEG (Elektroenzephalogramm) oder spezielle Untersuchungen durch einen Augen- oder Hals-Nasen-Ohren-Arzt.
 
In bestimmten Fällen sollten die Betroffenen über einen Zeitraum von 24 Stunden im Krankenhaus beobachtet werden, um mögliche Folgen wie zum Beispiel eine Blutung im Gehirn zu erkennen und somit rechtzeitig eingreifen zu können. Liegen keine ernsten Verletzungen vor, kann sich die Behandlung einer Gehirnerschütterung auf die Linderung der Symptome durch kurzzeitige Bettruhe und die Gabe von leichten Schmerzmitteln und Medikamenten gegen die Übelkeit beschränken.

Doch dann folgt eine Bewertung, die an den neuesten Erkenntnissen völlig vorbei geht: “Die Bettruhe sollte jedoch nicht lange andauern und ist häufig sogar überhaupt nicht nötig. Physikalische und physiotherapeutische Therapien wie Krankengymnastik, Kälte- oder Wärmebehandlung können die Behandlung ergänzen. Insgesamt sollte der Patient nach einer gewissen Erholungszeit wieder rasch am normalen Alltags- und Berufsleben teilnehmen.”

Auch die weitere Beschreibung der TK ist wohl falsch: “In der Regel heilt eine Gehirnerschütterung folgenlos aus. Erinnerungslücken bilden sich häufig ganz oder teilweise innerhalb von wenigen Tagen zurück. Manchmal bestehen über einige Tage Konzentrationsstörungen oder leichte Wesensveränderungen, zum Beispiel depressive Verstimmungen.”
 
Immerhin räumt die TK ein: “In 10-20 Prozent der Fälle kann sich ein sogenanntes chronisches posttraumatisches Syndrom entwickeln. Dies äußert sich mit dumpfen, drückenden Kopfschmerzen, begleitet von Symptomen wie Befindlichkeitsstörungen, depressiver Verstimmung und subjektiv verminderter Leistungsfähigkeit.
 
In manchen Fällen sind die chronischen Folgeerscheinungen schwer zu beeinflussen. Bei der Behandlung dieser andauernden Beschwerden kommen Medikamente zum Einsatz, die normalerweise gegen Depressionen verordnet werden. Die medikamentöse Behandlung sollte mit einer physikalischen Therapie der Schulter-Nacken-Region (Krankengymnastik, Massage etc.) kombiniert werden. Hilfreich ist oft auch das Erlernen und Anwenden von Entspannungstechniken wie der Progressiven Muskelrelaxation nach Jacobson.”

WANC 22.10.10, Quelle: Carsten Konrad & al.: Long-term cognitive and emotional consequences of mild traumatic brain injury, Psychol Med. 22/2010; Carol DeMatteo (McMaster University, Hamilton) et al.: Pediatrics, Bd. 125, Nr. 2

Gehirnerschütterung: Unterschätzte Langzeitfolgen

Häufig unerkannt: Hormonstörungen nach Schädel-Hirn-Trauma

Fragen und Antworten zu verschiedenen Gesundheitsthemen
Welche Obstsorte hat den größten Einfluss auf den Blutzucker?

Wann treten Hitzewallungen in den Wechseljahren am häufigsten auf?

Warum verursachen die Schmerzmittel ASS, Diclofenac und Ibuprofen manchmal Magenprobleme?

Wie läuft eine Darmspiegelung ab?

Wie beginnt eine Schizophrenie?

Überblick aller Fragen und Antworten

 
Seite versenden  
Seite drucken