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Glyphosat: Im Regen steht einmal mehr der Verbraucher

Natürlich geht es wieder um Geld, um viel Geld. Das Unkrautvernichtungsmittel - manche sagen Pflanzengift - Glyphosat vom Hersteller Monsanto ist ein Milliarden Geschäft. Rund 1 Mio. Tonnen davon werden weltweit jährlich verkauft, der Umsatz auf etwa 2 Mrd. US-Dollar geschätzt. Die Zulassung dieser Chemikalie läuft in Europa Mitte 2016 aus. Die EU-Kommission muss entscheiden, ob sie verlängert wird - oder eben nicht. Die Lager der Befürworter und Gegner bekämpfen sich heftig, mit immer neuen Studien und Vorwürfen. Doch ob beide Seiten einen wirklich offenen Dialog führen, ist eher zweifelhaft. Der Leidtragende ist der Verbraucher, der von den unterschiedlichsten Informationen völlig verwirrt wird. 

Die Heirich Böll Stiftung, eine den Grünen nahestehende Organisation, hat Anfang März 2016 eine Datenerhebung zu Glyphosatrückständen im Urin vorgestellt. Demnach liegt bei 75 Prozent der Bürgerinnen und Bürger die Belastung mit Glyphosat mit mindestens 0,5 ng/ml um ein Fünffaches höher als der Grenzwert für Trinkwasser mit 0,1 ng/ml zulässt. Ein Drittel der Bevölkerung hat sogar eine 10-fache bis zu 42-fache Menge der für Trinkwasser zulässigen Grenzwerte im Urin. Die höchsten Belastungen ließen sich nach Altersgruppen aufgeschlüsselt bei Kindern von 0-9 und Kindern/Jugendlichen von 10-19 Jahren nachweisen, nach Berufsgruppen vor allem bei Landwirten. Fleischessende Studienteilnehmer, sogenannte Mischköstler, wiesen höhere Belastungen als Vegetarier und Veganer auf. Bio-Esser sind weniger belastet als Menschen, die sich konventionell ernähren. Untersucht wurden die Proben von 2009 Freiwilligen, die den Test selbst bezahlten. 

Anfang Februar hatte das Umweltinstitut München die 14 meistgetrunkenen Biere Deutschlands auf Rückstände des am häufigsten genutzten Pestizids getestet. Bei allen getesteten Bieren wurde das Institut fündig. Der höchste gemessene Wert lag mit 29,74 Mikrogramm pro Liter (µg/l) fast 300-fach über dem Trinkwasser-Grenzwert (0,1 µg/l). Selbst der geringste gemessene Wert lag noch um das Fünffache über dem Grenzwert für Trinkwasser. 

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das im übrigen im Rahmen der neuen EU-Wirkstoffprüfung eine Bewertung abgegeben hat, dass „bei bestimmungsgemäßer Anwendung" "keine gesundheitlich schädigenden Wirkungen auftreten" und auch "kein krebserzeugendes Risiko für den Menschen zu erwarten ist", bewertet die erhobenen Daten von beiden Untersuchungen „sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen gesundheitlich unbedenklich". Der BfR-Präsident Professor Dr. Dr. Andreas Hensel sagt dazu; „Diese sehr geringen Gehalte sind nach unserer Einschätzung erwartbar, da Glyphosat ein zugelassener Pflanzenschutzmittelwirkstoff ist und folglich Rückstände mit der Nahrung aufgenommen und somit auch ausgeschieden werden können.“ 

Darauf folgte allerdings die Keule: Die auf Initiative einer Bürgerinitiative beauftragte Untersuchung weise grobe Mängel insbesondere im Bereich der Probenahme auf. „So wurden die Proben nicht, wie bei wissenschaftlichen Studien üblich, überwacht gezogen und tiefgefroren an das Labor gesandt. Dies kann zu Verunreinigungen und Veränderungen in der Zusammensetzung der Proben z. B. auf dem Transportweg führen."

Den Vorwurf grober Mängel mussten sich allerdings auch das BfR und die European Food Safety Authority (EFSA) ankreiden lassen. Bei ihrer Bewertung hätten sich die beiden staatlich getragenen Institutionen auf ungeprüfte Angaben der Hersteller verlassen, lautet der Vorwurf. Und so geht es immer hin und her. Selbst die Einstufung von Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“ durch die Krebsforschungsagentur (IARC) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im März 2015 wurde vom BfR und der „Glyphosate Task Force“ - einer Lobbyvereinigung von Herstellern - als fraglich bewertet und die wissenschaftliche Glaubhaftigkeit angezweifelt. Gestritten wird, also nicht nur, ob die Chemikalie gesundheitsschädigend ist oder nicht, sondern in wie weit wissenschaftliche Standards bei den Studien eingehalten wurden oder nicht, ob man ihnen also glauben und vertrauen kann - oder eben nicht. 

Als Verbraucher fragt man sich: Wenn das alles noch so unklar ist, wenn es keine eindeutigen Belege für die Unbedenklichkeit gibt, warum muss dann jetzt eine Entscheidung getroffen werden? Warum werden nicht von der Industrie und Interessensgruppen wirklich unabhängige Forschungsinstitute beauftragt, das Risiko genau zu bewerten? Und warum wurde das nicht schon viel früher in Gang gesetzt?

Die nächste Frage, die man sich stellen darf: Warum fällt die Entscheidung in einem Fachausschuß unter Ausschluß der Öffentlichkeit? Im übrigen - findet sich dort keine "qualifizierte" Mehrheit der Mitgliedsstaaten, dann kann die EU-Kommission völlig eigenständig entscheiden. Im Bundestag wurde kürzlich der Antrag eines Glyphosatverbotes mit großer Mehrheit abgelehnt. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt von der CSU trat vehement dafür ein,  dass Glyphosat weiter in der Landwirtschaft verwendet werden dürfte.

Zumindest bedenklich können einen die Informationen der Verbraucherschutzorganisation foodwatch stimmen. Demnach besteht "eine enge personelle Verflechtung zwischen den zuständigen Behörden und den Unternehmen. Zum Beispiel: In der BfR-Kommission zu Pestiziden sitzen gleich mehrere Mitarbeiter von Chemieunternehmen. Laut der Organisation Corporate Europe Observatory (CEO) haben 59 Prozent (112 von 209) der EFSA-Experten Interessenskonflikte aufgrund von direkten oder indirekten Verbindungen zur Industrie." Da scheinen Zweifel berechtigt, ob bei der Zulassung wirklich unabhängige Bewertungen abgegeben werden. 

Agrarforscher wie Michael Antoniou vom King's College London oder der US-Phytopathologe Don Huber meinen, dass Glyphosat noch einmal verschärft getest werden müsse. Laut der beiden Wissenschaftler werde kritische Forschung von der EU aber "ignoriert oder nicht ernst genommen" (Zitat Spiegel). In einem offenen Brief (vom 27.11.2015, http://www.efsa.europa.eu/sites/default/files/Prof_Portier_letter.pdf) fordert eine Gruppe unabhängiger Wissenschaftler eine offene und transparente Untersuchung. Vor allem kritisieren die Wissenschaftler, dass alle anderslautenden Studien als 'nicht glaubhaft' oder 'mangelnde wissenschaftliche Qualität' abgetan werden. Wobei inzwischen zusätzlich geklärt werden müsste, in wie weit Glyphosat, das fast immer in Kombination mit anderen Chemikalien eingesetzt wird, seine Toxizität in solchen Mischungen entfaltet.

Dass bei Verbrauchern mittlerweile eine große Skepsis vorherrscht, hat auch das BfR wahr genommen. Die Schuld daran trage die "Divergenz zwischen medialer Berichterstattung und wissenschaftlicher Bewertung", was so viel heißt, dass die Medien angeblich nicht wahrheitsgemäß berichten. So werde besonders skeptisch von den Verbrauchern die Rückstände von Glyphosat in Muttermilch und Urin betrachtet. Doch „Rückstände sind bis zum erlaubten Höchstgehalt in Lebensmitteln zulässig und können folglich auch aufgenommen werden.“

Das mag ja sein, doch kritisch zu hinterfragen, muss erlaubt sein: Bei den Bewertungen, ob eine Chemikalie nun gefährlich ist, wird immer auf zwei Werte Bezug genommen. Da ist einmal der Rückstandshöchstgehalt (Maximum Residue Levels – MRL), der die höchst tolerierte Konzentration einer Chemikalie in Lebens- oder Futtermitteln angibt. Dieser Wert beruht auf der akuten Referenzdosis (ARfD), die die Menge angibt, die ein Mensch aufgrund seines Körperwichtes von einer Chemikalie an einem Tag zu sich nehmen kann, ohne einem Gesundheitsrisiko ausgesetzt zu sein. Die EFSA schreibt dazu selbst, dass es sich um ein "geschätzte Menge" handelt. Bei Giftstoffen, das zeigen die Erfahrungen der Vergangenheit, waren derartige Schätzungen aber oft mangelhaft oder sogar falsch, weil Erkenntnisse nicht beachtet oder unterschlagen wurden oder sich der Umfang der realen Gefahren erst nach Jahren heraus gestellt hat. 

07.03.2016/ Quelle: BfR, EFSA, BUND

Aktualisierung am 11.3.2016

Für viele überraschend hat der EU-Fachausschuß am 8.3.2016 keine Entscheidung für die Verlängerung der Zulassung von Glyphosat getroffen. Der Grund: Es habe sich keine qualifizierte Mehrheit (das sind 55 Prozent der Mitgliedstaaten, die mindestens 65 Prozent der EU-Bevölkerung repräsentieren) gefunden, meldet der Fernsehsender N-TV. Nun steht das Thema erneut auf der Agenda der nächsten Sitzung am 18. und 19. Mai. Bis dahin liegen dann auch weitere Erkenntnisse vor: Die WHO wird ihre Einschätzung aktualisieren und die Europäische Chemiebehörede ihre umfangreiche Neubewertung der Chemikalie abgeschlossen haben.

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