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Arzt und Patient arbeiten Hand in Hand: Neue Versorgungskultur durch Disease-Management-Programme (Foto: DAK/Wigger)
Chronikerprogramme: Erfolgsmodell oder Rohrkrepierer?

Mehr als eine Million Patienten und Patientinnen sind mittlerweile in den qualitätsgesicherten Behandlungsprogrammen (Disease-Management-Programme ) zur Versorgung chronischer Krankheiten eingeschrieben, die seit dem 1. Januar 2004 von der Bundesregierung gefördert werden. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt feiert sie als Erfolgsmodell. Dagegen formulieren Kassen Kritik.

Bundessozialministerin Ulla Schmidt freut sich: "Disease-Management-Programme sind ein Erfolgsmodell - allen ursprünglichen Widerständen zum Trotz." Nach Meinung der Ministerin bringen diese qualitätsgesicherten Programme die gesetzliche Krankenversicherung "auf den Weg zu einer neuen Versorgungskultur". Schmidt glaubt, dass die Abschottung der einzelnen Sektoren aufgebrochen wird und sich die medizinische Versorgung am Behandlungsablauf orientiert.

Ein wichtiges Ziel der Disease-Management-Programme ist, dass alle an der Behandlung Beteiligten Hand in Hand arbeiten, ob Hausarzt, Facharzt oder angestellter Arzt im Krankenhaus. Auch Patientinnen und Patienten werden von Anfang an aktiv mit einbezogen, indem gemeinsam die Therapieziele vereinbart werden. Schmidt: "Ärzte und Patienten sind ein Team. Das verbessert die Beziehung zwischen Arzt und Patienten. Das ist gut für die chronisch kranken Patientinnen und Patienten. Das ist aber auch gut für die Ärztinnen und Ärzte, die mit diesen Programmen eine gesicherte wissenschaftlich fundierte Behandlungsbasis haben. Und das ist gut für das Gesundheitswesen. Denn mit den Disease-Management-Programmen wird Geld in Qualität investiert."

Gerne zitiert die Ministerin als Beweis ihrer Behauptungen eine Studie des BKK-Bundesverbandes. Darin steht, dass Diabetiker, die in einem solchen Programm eingeschrieben sind, deutlich seltener ins Krankenhaus müssen. Und selbst bei denen, die ins Krankenhaus müssen, ist die Verweildauer wesentlich kürzer als bei Diabetikern, die nicht an einem besonderen Betreuungsprogramm teilnehmen. Die abgestimmte Behandlung verbessert die Situation der Patientinnen und Patienten und spart unter dem Strich Kosten. Bereits nach einem Jahr - so die BKK-Studie – wurden deutliche Einspareffekte erzielt. Pro Versicherten verringerten sich die Kosten unter dem Strich um 579 Euro. Andere Zahlen aus Magdeburg zeigen, dass bei den eingeschriebenen Diabetikern in Magdeburg die Zahl der Fußschädigungen um 30 Prozent und die der Augenschädigungen sogar um 50 Prozent gesunken ist.

Bereits rund ein Viertel der an Diabetes mellitus Typ 2 erkrankten Menschen sind in das entsprechende Behandlungsprogramm eingeschrieben. Inzwischen beteiligen sich über eine Million Patientinnen und Patienten an den Disease-Management-Programmen bei Diabetes mellitus Typ 2 und bei Brustkrebs. 3026 Programme sind inzwischen durch das Bundesversicherungsamt zugelassen. Für ein Programm bei koronarer Herzkrankheit liegen eine Reihe von Anträgen beim Bundesversicherungsamt vor. Die ersten Programme für Diabetes mellitus Typ 1 sind in Vorbereitung. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat die Anforderungen zu einem Disease-Management-Programm bei Asthmabronchiale und chronisch obstruktiver Lungenerkrankung erarbeitet.Über eine Million beteiligte Patienten und Patientinnen

Inzwischen beteiligen sich über eine Million Patientinnen und Patienten an den DMP bei Diabetes mellitus Typ 2 und bei Brustkrebs. Bereits rund ein Viertel der an Diabetes mellitus Typ 2 erkrankten Menschen haben sich in das entsprechende Behandlungsprogramm eingeschrieben. 3.026 Programme sind mittlerweile durch das Bundesversicherungsamt zugelassen. Für ein Programm bei koronarer Herzkrankheit liegen eine Reihe von Anträgen beim Bundesversicherungsamt vor. Die ersten Programme für Diabetes mellitus Typ 1 sind in Vorbereitung.

Einige Kassen und Gesundheitsökonomen kritisieren dagegen den Nutzen der Chronikerprogramme. "Die Anreizesind völlig falsch gesetzt", sagte Norbert Klusen, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse, dem ‚Tagesspiegel‘. "Heute geht es allen nur ums Geld, möglichst viel soll umverteilt werden. Wo bleibt denn da der Patient und seine bessere Behandlung?"

Als Grund für seine Kritik führt Klusen die Koppelung der so genannten Disease Management Programme (DMP) mit dem Risikostrukturausgleich der gesetzlichen Krankenkassen an: Für jeden eingeschriebenen Patienten erhalten die Kassen neben der Programmkostenförderung einen zusätzlichen Betrag aus dem Risikostrukturausgleich. Eine Forderung: Die Behandlungsprogramme vom Finanzausgleich zu entkoppeln.

"Die Versorgung von Patienten wird nicht besser, wenn sie an DMP teilnehmen", kritisierte auch Peter Oberender, Gesundheitsökonom an der Universität Bayreuth. Zudem entstünden durch die Dokumentationspflichten Kosten in Milliardenhöhe, die aus Beitragsgeldern finanziert werden müssten.

Die zentralen Elemente strukturierter Behandlungsprogramme sind:

  • Die sektorenübergreifende Behandlung, also die Vernetzung der ambulanten und stationären Versorgung sowie der Arznei-, Heil- und Hilfsmittelversorgung,
  • Behandlungs- und Betreuungsprozesse auf der Grundlage medizinischer Evidenz mit begleitender wissenschaftlicher Überprüfung,
  • Wissenschaftlich begründete Leitlinien, die als Orientierungshilfen für Diagnostik, Therapie und Nachsorge für behandelnde Ärzte dienen.

WANC 13.10.04

Chronikerpro- gramme: Kaum wirksam und nicht effizient?

Studie zur Akzeptanz von Disease Management Programmen

Die Gesundheits- reform: Behand- lungsprogramme

Gesundheit Nieder- sachsen (PDF)

Bundesärzte- kammer

NDR

 
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