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Diagnose Krebs - Diagnose Armut

Einkommen hat viel mit Gesundheit zu tun. Armut ist eher gleichbedeutend mit Krankheit, Reichtum scheint eher gesund zu halten. Das allein ist schon schlimm genug. Doch mittlerweile wird immer deutlicher, dass Krankheit richtig arm machen kann. Besonders betroffen sind oft die Kränksten - Patienten mit einer Krebserkrankung. Beschämend: Für die kaum begreifbare Situation, dass Krebs mit Armutsrisiko einher geht, sind oft die Krankenkassen verantwortlich. 

Jürgen Walther, Leiter des Sozialdienstes am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg, war erbost. Laut der Zeitschrift kma kritisierte er den Umgang von Krankenkassen mit erwerbstätigen Krebspatienten scharf. Schon wenige Monate nach der Diagnosestellung Krebs würden Patienten von den Kassen  in die Erwerbsminderungsrente gedrängt. Die erschreckende Folge: Ihr Armutsrisiko steigt dadurch erheblich.

Walther bemängelt, dass die Kassen die Betroffenen dazu animiere, einen Antrag auf Rehabilitation zu stellen. Ohne dass diese sich dem bewusst wären, würden sie sich in eine Zwangssituation begeben. Denn der Reha-Antrag könne jederzeit in einen Rentenantrag umgewandelt werden, wenn die Erwerbsminderung mehr als ein halbes Jahr andauere. Und das sei bei der Mehrheit der Tumorpatienten der Fall. 

Für die Kassen ist das ein gutes Geschäft. Denn das Krankengeld muss von den Kassen gezahlt werden und ist höher, während die Erwerbsminderungsrente von der Rentenversicherung gezahlt wird und deutlich niedriger liegt. Kranke müssen dadurch nicht nur den Krebs bekämpfen, sondern taumeln auch  noch in die Armut: Während die Einnahmen schrittweise sinken, steigen die Ausgaben teils erheblich an - unter anderem durch Anfahrtskosten zu Behandlungen, Zuzahlungen zu Medikamenten, Pflegekosten und Betreuungskosten für Kinder. Und: Erst einmal als erwerbsgemindert eingestuft, ist die Rückkehr in die Erwerbstätigkeit deutlich erschwert.

Wie katastrophal die finanzielle Situation vieler Krebskranker ist, hat erst kürzlich das ARD-Politmagazin Report Mainz enthüllt. Die Sendung zitiert Ergebnisse einer Studie der German Hodkin Study Group. Demnach klagen bis zu 35 Prozent der Patienten mit Lymphdrüsenkrebs, die nach intensiver Behandlung geheilt sind, in den nachfolgenden Jahren über finanzielle Probleme. Eine Untersuchung der Universität Heidelberg und der Medical Association of Saarland mit Brustkrebspatienten fand heraus, dass bei älteren Patienten (65 Jahre und älter) in rund 25 Prozent der Fälle finanzielle Probleme besonders häufig auftreten. Unter finanziellen Schwierigkeiten leiden aber auch die jüngeren Patienten (18 – 49 Jahre).

Wie groß der Einkommensverlust ist, hat Report dokumentiert: "Ein 48-jähriger Diplomingenieur, erkrankt am Schwarzen Hautkrebs, erhält jetzt 1.500 € weniger. Das ist minus 25 Prozent. Wenn jetzt unmittelbar sein Krankengeld ausläuft, droht ihm unter Umständen Erwerbsminderungsrente. Die beträgt im Durchschnitt 719 €. Ein 63-jähriger ehemaliger Betriebsleiter einer Matratzenmanufaktur, erkrankt am Bauspeicheldrüsenkrebs, schon nach 4 Monaten berentet, hat jetzt 500 € weniger, minus 33 Prozent. Besonders betroffen von solchen finanziellen Einschnitten sind Selbstständige. Ein 60 Jahre alter Tischler mit kleiner Firma, erkrankt am chronischen Blutkrebs, hat jetzt 700 € weniger, minus 70 Prozent."

22.01.2016/ Quelle: Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs, kma, Report Mainz

 
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