Unkrautvernichtung oder Pflanzenschutz - die Folgen bestimmter Stoffe - wie Glyphosat - sind noch längst nicht vollständig erforscht (SCHAU.MEDIA/ pixelio.de)
Unkrautvernichtung oder Pflanzenschutz - die Folgen bestimmter Stoffe - wie Glyphosat - sind noch längst nicht vollständig erforscht (SCHAU.MEDIA/ pixelio.de)
Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat: Gesundheitsgefährdend - oder doch nicht?

Um den Pflanzenschutzmittelwirkstoff Glyphosat wird gestritten. Während die einen - vor allem natürlich der Hersteller Monsanto - betonen, dass das Mittel "sicher für die menschliche Gesundheit ist", kritisieren die anderen - darunter die internationale Krebsforschungsagentur, seine möglicherweise krebsauslösende Wirkung. Wie immer gibt es Studien, die beiden Seiten Argumente liefern. Das immense Problem dabei: Alle Untersuchungen haben ihre Mängel, wirklich unabhängige Forschung fehlt.

Es geht - auch wie immer - wieder einmal ums liebe Geld. Um einen richtig großen Batzen Geld. Monsanto verdient mit dem Pflanzenschutzmittel Roundup - eines der Gemische in dem der Wirkstoff Glyphosat enthalten ist - geschätzte 2 Mrd. US-Dollar im Jahr. Doch Ende 2015 endet die Genehmigung für den Einsatz des Unkrautvernichtungsmittels in Deutschland und Europa. Und jetzt wird es natürlich heikel. Denn wird die nicht erneuert, dann geht der Umsatz flöten.

Gegner von Glyphosat sammeln daher seit einiger Zeit Argumente, um das Pflanzengift, wie sie es nennen, verbieten zu lassen. Und Monsanto finanziert Studien, Experten und Heerscharen von Kommunikationsprofis, um genau das Gegenteil zu erreichen: Nämlich zu beweisen, dass das Mittel der Gesundheit nichts Böses anhaben kann.

Seit neuestem scheint Monsanto im Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) einen Verbündeten zu haben. Denn das BfR hat in seiner Mitteilung 016/2015 Stellung bezogen und stuft Glyphosat so ein: Es liegen keine Anhaltspunkte für ein genotoxisches Potenzial vor. Auch wird Glyphosat "als nicht krebserzeugend" bewertet. Die Begründung dafür liest sich allerdings ein wenig, wie die Begründung von Monsanto, die eine negative Klassifizierung der International Agency for Research on Cancer (IARC) mit Angriffen an die Glaubhaftigkeit und wissenschaftliche Relevanz der ausgewerteten Studien auskontert.

Auch das hat Methode. Monsanto greift gerne Gegner an, in dem sie deren Wissenschaftlichkeit oder die wissenschaftliche Grundlage von Forschungsergebnissen in Zweifel zieht. Das macht Monsanto natürlich nicht allein, sondern lässt gerne sogenannte Experten oder pseudowissenschaftliche Organisationen zu Worte kommen. Im Fall von Glyphosat ist das beispielsweise die Glyphosate Task Force (GTF). Der Name hört sich beeindruckend an, dahinter versteckt sich aber die Initiative verschiedener Pflanzenschutzmittel-Unternehmen. Und die GTF schießt denn auch: "Die Auswertung, die zu diesem Schluss gekommen ist, weist erhebliche methodische Mängel auf, und die daraus gezogene Schlussfolgerung steht im Widerspruch zu sämtlichen regulatorischen Sicherheitsbewertungen von Glyphosat."

Also alles kein Problem? Von Glyphosat gehen keine Gefahren für die Gesundheit von Mensch und Tier aus? Ganz so einfach ist es nicht, denn es gibt ja nicht nur wissenschaftliche Studien, sondern auch Erfahrungen. Und dass die eine andere Sprache sprechen, das belegt der im Spiegel (24/2015) veröffentlichte Artikel "Totgespritzt". Darin berichtet ein Landwirt, wie kläglich seine Kühe verendeten, nachdem sie Tierfutter gegessen hatten, in dem Glyphosat gefunden wurde.

Das Umweltinstitut in München weist auf Untersuchungen von Getreide in Nordrhein-Westfalen hin, in denen zwei Drittel aller Proben positiv waren, in denen also Glyphosat gefunden wurde. Ebenfalls zwei Drittel der bundesweit untersuchten Sojaimporte und ein Drittel aller Futtermittelproben sind laut Umweltinstitut mit Glyphosat belastet. Öko-Test (September 2012) hat 20 Getreideprodukte im Labor untersuchen lassen. Ergebnis: Glyphosat war in fast drei viertel der Produkte nachweisbar. Dabei sind vier von fünf Weizenmehlen, acht von zehn Körnerbrötchen und zwei von fünf Getreideflockenprodukten betroffen.

Das Umweltinstitut beklagt, dass Glyphosat bereits in menschlichem Blut und Urin nachgewiesen werden konnte. Und in ländlichen Regionen Lateinamerikas, in denen glyphosatresistente Pflanzen angebaut werden, werde Roundup nahezu flächendeckend per Flugzeug versprüht. Dort habe sich von 2000 bis 2009 die Krebsrate bei Kindern verdreifacht. Die Rate der Fehlgeburten und Fehlbildungen sei nahezu um das Vierfache angestiegen.

Die Albert Schweitzer Stiftung schreibt: "Mittlerweile gibt es eine große Anzahl von Studien und Berichten, die Indizien dafür liefern, dass der Wirkstoff Glyphosat nicht nur bedenklich, sondern tatsächlich auch äußerst gefährlich ist. Als noch gefährlicher kristallisiert sich zudem die Kombination aus Glyphosat und weiteren Wirkstoffen zu den in der modernen Landwirtschaft inflationär verwendeten »Roundup«-Produkten heraus." Die Stiftung spricht von Schädigungen der DNA bei Menschen und Tieren sowie Erkrankungen wie Alzheimer, Diabetes, Krebs, Depressionen, Herzinfarkten und Unfruchtbarkeit, für die Glyphosat verantwortlich sein soll.

Der BUND für Umwelt und Naturschutz moniert, dass die meisten Studien, die in den Zulassungsprozess einfließen, von Firmen wie Monsanto, Syngenta und anderen Produzenten von Agro-Chemikalien kommen und erklärt: Im europäischen Zulassungsverfahren wird nur der Wirkstoff selber bewertet, also Glyphosat, nicht aber die Spritzmittel, die Landwirte und Gärtner tatsächlich anwenden. Diese enthalten eine Reihe weiterer Inhaltsstoffe, etwa Netzmittel, die die Zellen durchlässig für Glyphosat machen sollen. Das ist insofern bedenklich, als neuere Studien zeigen, dass die Kombination von Glyphosat mit anderen Ingredienzien toxischer wirken kann, als der Grundstoff selbst." Deshalb, so Bund, müsse Glyphosat, verboten werden.

Auch das Umweltinstitut weißt darauf hin, dass in dem Pflanzengift Roundup Zusatzstoffe wie Polyethoxylated tallowamine (POEA) und das Abbauprodukt AMPA enthalten sind: "Beide sind wesentlich giftiger als Glyphosat selbst."

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) arbeitet im Rahmen der notwendigen Verlängerung der Zulassung an einer neuen Bewertung von Glyphosat. Aufgrund dieses Gutachtens wird die EU-Kommission dann über eine Verordnung entscheiden. Die WHO hat eine Taskforce gebildet, die sich Glyphosat noch einmal genau vornehmen will.

Anmerkung: Der Verbraucher muss sich wieder einmal fragen, warum Stoffe eingesetzt werden dürfen, von denen man gar nicht so genau sagen kann, wie schädlich oder unschädlich sie wirklich sind. Wenn es derart unterschiedliche Bewertungen gibt, dann müssten die staatlichen Stellen in Deutschland und der EU doch eigentlich dafür sorgen, dass Studien von wirklich unabhängigen Instituten durchgeführt werden, die dann ein vertrauenswürdiges Ergebnis liefern.

09.06.2015/ Quelle: BfR, Umweltinstitut, Bundeslandwirtschaftsministerium, WHO

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