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kk+, „Ricky“, CC-Lizenz (BY 2.0), http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de, www.piqs.de
Mehr als die Hälfte aller aktuell in den Industrienationen geborenen Babies wird bis zu 100 Jahre alt werden (Foto: kk+, „Ricky“, CC-Lizenz (BY 2.0), http://creativecommons.org/ licenses/by/ 2.0/de/ deed.de, www.piqs.de)
Neugeborene: Die zukünftigen 100-Jährigen

Wir werden immer älter. Besonders die, die heute geboren werden. Und unser längeres Leben können wir auch besser genießen. Denn wir sind in der Lage, die Aktivitäten des täglichen Lebens länger auszuführen, bleiben also auch bis ins hohe Alter selbständig. Allerdings: Erkrankungen gehören zu unseren Begleitern. So steigt die Gesamthäufigkeit von Krebserkrankungen. Und andere chronische Krankheiten wie Diabetes und Gelenkentzündungen treten häufiger auf.

Mehr als die Hälfte aller aktuell in den Industrienationen geborenen Babies wird bis zu 100 Jahre alt werden, wenn der gegenwärtige Trend in der Lebenserwartung anhält. Wir werden nicht nur länger leben, sondern diese hinzukommenden Jahre auch mit weniger Behinderungen und Beeinträchtigungen des täglichen Lebens verbringen als bislang. Darüber hinaus lassen erst Erkenntnisse vermuten, dass verkürzte Wochenarbeitszeiten innerhalb ausgedehnter Lebensarbeitszeiten einen weiteren Anstieg der Lebenserwartung und Verbesserungen der Gesundheit hervorbringen können.

Eine starke Zunahme der Lebenserwartung (um 30 Jahre und mehr) wurden in den meisten Industrienationen im Verlauf des 20. Jahrhunderts festgestellt. Die Sterberaten in den Ländern mit den höchsten Lebenserwartungen (Japan, Schweden, Spanien) deuten an, dass drei Viertel der Neugeborenen lang genug leben werden, um den 75. Geburtstag feiern zu können, selbst wenn sich die gesundheitlichen Bedingungen nicht verbessern sollten. Wenn sich die Lebenserwartung allerdings in gleichem Maße positiv verändern, dann könnten die meisten der seit 2000 in Industrieländern Geborenen davon ausgehen, dass sie ihren 100. Geburtstag erleben werden. Daher werden die Raten von Krankheiten und Behinderungen im Alter einen zunehmenden Effekt auf die Nachhaltigkeit der modernen Gesellschaft haben.

Der bereits seit 1840 offenkundige Anstieg der Lebenserwartung in den Industrienationen zeigt keinerlei Anzeichen einer Verlangsamung. Die Autoren bemerken: "Der seit mehr als 165 Jahren lineare Anstieg der maximalen Lebenserwartung deutet keine sich abzeichnende Grenze der menschlichen Lebensspanne an. Wenn sich die Lebenserwartung einem Grenzwert annähern würde, so würde sich dieser Prozess sicherlich verlangsamen. Der anhaltende Fortschritt in den ältesten Bevölkerungen lässt vermuten, dass wir uns noch keiner Grenze nähern, und dass ein weiterer Anstieg der Lebenserwartung wahrscheinlich ist."

Die Sterblichkeitsrate bei den über 80-jährigen Personen in den Industrieländern sinkt weiter. Daten aus mehr als 30 entwickelten Ländern zeigen, dass im Jahr 1950 die Wahrscheinlichkeit des Überlebens vom 80. bis zum 90. Lebensjahr für die Frauen im Mittel bei 15 bis 16 Prozent lag, bei 12 Prozent für die Männer. Im Jahr 2002 betrugen diese Werte bereits jeweils 37 und 25 Prozent.

Da die Sterblichkeit der Kinder und jungen Erwachsenen in diesen Ländern sehr gering ist, wird ein weiterer Anstieg der Lebenserwartung durch weitere Verbesserungen in den hochbetagten Gruppen erreicht werden. Die Autoren nahmen Deutschland als Fallbeispiel, um zu zeigen, inwieweit die deutsche Bevölkerung im Jahr 2050 deutlich älter und aber auch kleiner sein wird als heute. Diese Vorhersage trifft typisch auch auf andere Industrieländer zu.

Die Gesamthäufigkeit von Krebserkrankungen steigt, da immer mehr Menschen länger leben. Andere chronische Krankheiten wie Diabetes und Gelenkentzündungen treten ebenfalls häufiger auf. Die außerdem festgestellte Zunahme der kardiovaskulären Erkrankungen wird allerdings der sinkenden Sterblichkeit aus kardiovaskulären Gründen zugeschrieben (unabhängig von einer besonderen Gruppe leben nun mehr Menschen mit der Erkrankung, da weniger daran sterben).

Der Schlüssel zur Lebensqualität im Alter sind funktionale Fähigkeiten, und wie sich diese auf die Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL) auswirken. Die Aktivitäten Essen, Ankleiden, Baden oder Duschen, Bewegen aus Bett und Stuhl heraus sowie Kontinenz sind von zentraler Bedeutung und werden als Basis-ADL-Leistungen bezeichnet. Störungen in den erweiterten ADL-Leistungen beziehen sich auf Behinderungen, die einen breiten Bereich von Aktivitäten beeinträchtigen, darunter Telefonieren, Einkaufen, Waschen, Haushaltsführung, Kochen, Verkehrsmittel, Medikamenteneinnahme und Umgang mit Finanzen. Hinweise deuten vermehrt darauf, dass die Häufigkeit von Behinderungen, anhand dieser Indikatoren gemessen, zurückgeht.

Die europäische Health Expectancy Monitoring Unit (EHEMU) entwickelt einen allgemeinen Indikator für eine behinderungsfreie Lebenserwartung namens 'Healthy Life Years' (HLY). Die Trends innerhalb des Zeitraums von 1995 bis 2003 aus 14 europäischen Staaten liegen vor. Personen, die die Frage: "Werden ihre täglichen Aktivitäten durch jegliche körperliche oder psychische Probleme, Krankheit oder Behinderung erschwert?" des European Community Household Panel (ECHP) mit moderat oder schwerwiegend beantwortet hatten, werden als beeinträchtigt eingestuft.

Auf Basis dieser Bewertung liegen die HLY in den europäischen Ländern weit auseinander. Selbst unter den Ländern mit vergleichbaren jährlichen Steigerungsraten der Lebenserwartung zeigen manche einen Anstieg (Männer: Österreich, Belgien, Italien, Finnland, Deutschland; Frauen: Belgien, Italien, Schweden), manche eine Stagnation (Männer: Frankreich, Griechenland, Irland, Spanien; Frauen: Österreich, Dänemark, Großbritannien, Finnland, Frankreich, Spanien) oder einen Rückgang (Männer: Dänemark, Portugal, Niederlande, Schweden; Frauen: Deutschland, Griechenland, Irland, Niederlande, Portugal) im Anteil der Jahre, die im Alter von 65 oder mehr Jahren behinderungsfrei verbracht wurden. Die Ungleichheiten in den HLY werden sogar noch größer, wenn alle 25 Staaten der EU in Betracht gezogen werden.

Eine ganze Reihe von Studien berichtete von umfangreicheren Verbesserungen in der behinderungsfreien Lebenserwartung gegenüber der reinen Lebenserwartung. Ein Vergleich von vier Gesundheitsbefragungen in Frankreich folgert, dass die Zugewinne in der Lebenserwartung über die letzten Jahrzehnte hinweg zwar Jahre mit moderaten Problemen hinzugefügt haben könnten, Jahre mit ernsten Schwierigkeiten jedoch nicht.

Dieses Ergebnis wird durch deutsche und belgische Forschung gestützt. Die Autoren stellen fest: "Anhaltende Neuerungen gesundheitlicher Abläufe sind von Fortschritten bei älteren Personen abhängig, obwohl die Grundlage für diesen Fortschritt zumindest teilweise auf verbesserte Lebensbedingungen und Lebensführung in jungen Jahren beruhen könnte. Fortschritte in Richtung verbesserte Gesundheit sind wahrscheinlich von Bemühungen der öffentlichen Gesundheit abhängig, insbesondere der Bekämpfung des Rauchens, der Fettleibigkeit, der körperlichen Inaktivität, der unzureichenden Ernährung und des übermäßigen Alkoholgenusses. Dazu gehören auch die Einrichtung von verbesserten Lebensbedingungen und Fürsorge für Personen mit mehreren Erkrankungen."

Leben wir dann nicht nur länger, sondern auch besser? Die meisten Hinweise lassen für die unter 85-Jährigen trotz des Anstiegs chronischer Erkrankungen und Befindlichkeiten eine Verschiebung der Beeinträchtigungen und Behinderungen erwarten. Dieser offensichtliche Widerspruch ist zumindest teilweise durch frühzeitigere Diagnosen, verbesserte Behandlungen und Besserungen bei verbreiteten Krankheiten begründet, so dass diese weniger behindernd wirken. Die unter 85-Jährigen leben länger und sind insgesamt in der Lage, ihre täglichen Aktivitäten länger auszuüben als frühere Kohorten.

Für den Personenkreis der über 85-jährigen ist die Situation weniger eindeutig. Die Datenlage ist dürftig, und es gibt verbreitet Bedenken, dass eine außergewöhnliche Langlebigkeit betrübliche Folgen für die Individuen wie auch für die Gesellschaft haben werden. Die Autoren diskutieren die "allgemeine Betrachtungsweise in der klinischen Medizin sowie unter manchen Gerontologen, wonach der erhebliche Zuwachs im Anteil außergewöhnlich lange lebender Individuen in aufeinander folgenden Geburtskohorten das Ergebnis einer Fürsorge sei, die einem zunehmenden Anteil gebrechlicher und kranker Personen zu einem vorgerückten hohen Alter verholfen habe, und dies mit einem gewaltigen personellen und gesellschaftlichen Kostenaufwand."

Forschungen in Dänemark zeigen, dass der Anteil unabhängiger Individuen unter den 100-Jährigen ebenso groß ist wie unter den 92- bis 93-Jährigen. Während also immer mehr Menschen länger leben und der Gesellschaft insgesamt eine höhere Last sind, so bedeutet eine außergewöhnliche Lebenserwartung keineswegs ein außergewöhnlich hohes Maß an Behinderung. Es ist jedoch die finanzielle Last einer alternden Bevölkerung, die den meisten Industrienationen Kopfzerbrechen bereitet. Die Altenbelastungsquote ist der Anteil der über 65-Jährigen geteilt durch die Anzahl der Arbeitnehmer (15 bis 64 Jahre). In Deutschland stieg der Anteil der 65-Jährigen oder Älteren unter den 15- bis 64-Jährigen von 16 im Jahr 1956 auf 29 im Jahr 2006. Dieser Wert soll nach Schätzungen bis 2056 auf 60 ansteigen.

Die Autoren schlagen als mögliche Strategie eine Umverteilung der Beschäftigung vor, um damit den ökonomischen Folgen einer alternden Gesellschaft begegnen zu können. Sie stellen fest: "Würden Menschen in ihren 60ern und frühen 70ern häufiger arbeiten als derzeit, so könnte die Mehrzahl aller Bürger insgesamt weniger Stunden pro Wochen arbeiten, als gegenwärtig üblich - gesetzt den Fall, sie blieben insgesamt mehr Jahre ihres längeren Lebens berufstätig. Erste Ergebnisse liefern Hinweise, dass verkürzte Wochenarbeitszeiten innerhalb ausgedehnter Lebensarbeitszeiten zu weiteren Zugewinnen in der Lebenserwartung und der Gesundheit beitragen könnten. Umverteilung von Arbeit wird jedoch nicht ausreichen, die kommenden Herausforderungen zu meistern. Selbst wenn sich die individuelle Gesundheit in jeder Altersgruppe verbessert, könnte insgesamt eine größere Belastung entstehen, wenn die Anzahl der Individuen in diesem Alter ausreichend zunimmt."

Die Forscher folgern: "Zunehmend höhere Anteile alter und sehr alter Personen werden große Herausforderungen an die Gesundheitssysteme stellen. Aktuelle Hinweise lassen jedoch nicht nur vermuten, dass die Menschen länger als zuvor leben werden, sondern auch, dass sie länger mit weniger Behinderungen und geringeren funktionalen Einschränkungen leben werden."

WANC 06.10.09/ Quelle: K Christensen. Ageing populations: the challenges ahead. Lancet 2009; 374: 1196

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