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Es ist nicht erwiesen, dass der Gesundheits-Check-up etwas nützt (Foto: DAK/Schläger)
Es ist nicht erwiesen, dass der Gesundheits-Check-up etwas nützt (Foto: DAK/Schläger)
Check-up: Der fragwürdige Nutzen

In Deutschland nennt er sich Gesundheits-Check-up35+. Frauen und Männer können sich mit Beginn des 36. Lebensjahres alle zwei Jahre Durchchecken lassen. Das soll der Früherkennung vor allem Herz-Kreislauf- und Nierenerkrankungen sowie eine Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) dienen. Ähnliche Vorsorgeuntersuchungen gibt es mittlerweile in vielen Ländern. Die gemeinnützige Organisation The Cochrane Kollaboration hat den Nutzen derartiger Früherkennungsuntersuchungen zu bewerten versucht. Das Ergebnis ist eher ernüchternd: Allgemeine Gesundheitschecks bewirken so gut wie nichts.

Die Erkenntnis ist Programm geworden: Krankheiten zu verhindern, ist besser, als Krankheiten zu kurieren. Das bedeutet, je früher man das Auftreten von Risiken für bestimmte Krankheiten oder Krankheiten in frühen Stadien entdeckt, desto höher ist die Chance, schwerwiegende Folgen zu verhindern. Gesundheitspolitiker haben die Möglichkeiten moderner Diagnoseverfahren zum Anlass genommen, das Gesundheits-Screening, was eigentlich eine Krankheitssuche ist, in Leistungen der Krankenassen umzuwandeln. Während aber beispielsweise Arzneimittel ihren Nutzen genauestens beweisen müssen, hat eine derartige Überprüfung des Nutzens bisher kaum stattgefunden.

Das Nordic Cochrane Center in Kopenhagen hat nun die Daten von insgesamt 182.880 Patienten gecheckt. Der Beobachtungszeitraum lag zwischen 4 und 22 Jahren. Bei einem Vergleich der Patienten, die Gesundheits-Check-ups durchführen hatten lassen mit denen, die keine hatten durchführen lassen, lag das allgemeine Sterberisiko in der Check-up-Gruppe bei 0,99. Bezogen auf den Tod durch eine Herz-Kreislauf-Erkrankung lag das Risiko in der Check-up-Gruppe bei 1,03 und in Bezug auf den Tod durch eine Krebserkrankung bei 1,01. Was bedeuten diese Zahlen? Gesundheits-Check-ups vermindern das Risiko, vorzeitig zu sterben, um 0,01%. Sie erhöhen das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben um 0,03% und einer Krebserkrankung zu erliegen um 0,01%.

Das sind statistische Werte, die das Cochrane Center so bewertet: Gesundheits-Check-ups haben keinen Einfluss auf die Sterblichkeit, weder aufgrund von Herz-Kreislauf-Problemen noch Krebserkrankungen. Auch werde durch die Früherkennung keine Erkrankung verhindert. Dagegen scheint die Zahl der Krankheitsdiagnosen pro Patient zu steigen - um bis zu 20%. Bedeutet das, dass die Patienten immer kranker werden? Die Studie kann das nicht beantworten, berichtet aber, dass die Zahl der Patienten, die Medikamente gegen Bluthochdruck bekamen, gestiegen war. Auch veränderten die Check-ups die Zahl der Krankenhauseinweisungen, der Krankgeschriebenen, der Überweisungen an Fachärzte oder weitere Besuche beim Arzt nicht. Es gab auch keine Hinweise, dass sich bei positiven Screeningergebnissen, die Zahl der Folgetests oder chirurgischen Eingriffe verändert hätte.

Die Autoren der Studie fürchten dagegen, dass die Check-ups zu Verunsicherungen bei den Patienten führen. Es käme zu einer Überdiagnose, weil zu wenig klinisch relevante Veränderungen ermittelt würden. Außerdem geben sie zu bedenken, dass durch Screeningprogramme möglicherweise diejenigen erreicht werden, die grundsätzlich gesünder sind. Die, die von derartigen Früherkennungsuntersuchungen am meisten profitieren könnten, lassen sich dazu anscheinend kaum überreden.

Berliner Ärzteblatt 18.10.2012/ Quelle: The Cochrane Library, DOI: 10.1002/14651858.CD009009.pub2
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